L i e b e G e m e i n d e !
Joseph
kratzt sich am Kopf. Der, der sowieso immer in der zweiten Reihe steht
und gar nicht verstehen kann, was sich hier eigentlich abspielt. Ja,
abspielt. Ein Krippenspiel vom Feinsten, mit prächtigen Kostümen
und konzentrierten Darstellern, denen man das Lampenfieber nach 600
Jahren noch anmerkt.
Um
1400 ist dieses Gemälde als Teil des gotischen Flügelaltars für die
Dorfkirche in Kirchsahr entstanden: „Die Anbetung der Könige“ in einer
Dorfkirche, in einem Stall? Haben die sich verlaufen? Sind die im
falschen Film? Joseph kratzt sich am Kopf.
Das soll nun auch
jemand verstehen, was hier mit respektvoller Würde und ehrlichem Ernst
stattfindet. Da verzieht keiner eine Miene. Das ist kein Besuch zum
„frohen Ereignis“ nur, das ist ein Staatsakt. Auf dem Schoß von
Maria sitzt nicht nur ein Kind, sondern ein Regent. Den Königen dieser
Welt jetzt schon überlegen. Die drei jedenfalls haben es begriffen. Und
es demütigt sie nicht, in seiner Nähe zu sein – im Gegenteil: Es
verleiht ihnen einen ganz besonderen Glanz. Sie ahnen es.
Niemand,
dem hier ein leichtfertiges Wort über die Lippen geht. Kein Getuschel,
kein Gekreische. Es herrscht Stille. Auch Maria klammert sich nicht an
ihr Kind. Wie könnte sie bei diesem hohen Besuch, wo selbst der Stern
im Hintergrund nur noch wie zusammengebasteltes Stroh wirkt.
Die
Geburt des Jesuskindes gewinnt durch die Anbetung der Könige an
Bedeutung, an Ernsthaftigkeit. Gleich und Gleich gesellt sich eben
gerne - nur dass Jesus nackt, in seiner ganzen Menschlichkeit den
gutbetuchten Herren dieser Welt entgegen gehalten wird. Und
irgendwie leuchtet es einem ein: Um mit Gott auf Augenhöhe zu sein,
muss man sich verneigen, tief bücken, muss man vor ihm knien.
Joseph kratzt sich am Kopf. So hat er das noch gar nicht gesehen.
Eine nachdenkliche Advents- und Weihnachtszeit und einen gesegneten Jahreswechsel wünscht Ihnen, Ihr Pfarrer Volkmar Freier
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