aus: Gemeindenachrichten "Der Stab" Dezember 2011/ Januar 2012


L i e b e  G e m e i n d e !

Joseph kratzt sich am Kopf. Der, der sowieso immer in der zweiten Reihe steht und gar nicht verstehen kann, was sich hier eigentlich abspielt. Ja, abspielt.
Ein Krippenspiel vom Feinsten, mit prächtigen Kostümen und konzentrierten Darstellern, denen man das Lampenfieber nach 600 Jahren noch anmerkt.Die Anbetung der Könige

Um 1400 ist dieses Gemälde als Teil des gotischen Flügelaltars für die Dorfkirche in Kirchsahr entstanden: „Die Anbetung der Könige“ in einer Dorfkirche, in einem Stall? Haben die sich verlaufen? Sind die im falschen Film? Joseph kratzt sich am Kopf.

Das soll nun auch jemand verstehen, was hier mit respektvoller Würde und ehrlichem Ernst stattfindet. Da verzieht keiner eine Miene. Das ist kein Besuch zum „frohen Ereignis“ nur, das ist ein Staatsakt.
Auf dem Schoß von Maria sitzt nicht nur ein Kind, sondern ein Regent. Den Königen dieser Welt jetzt schon überlegen. Die drei jedenfalls haben es begriffen. Und es demütigt sie nicht, in seiner Nähe zu sein – im Gegenteil: Es verleiht ihnen einen ganz besonderen Glanz. Sie ahnen es.

Niemand, dem hier ein leichtfertiges Wort über die Lippen geht. Kein Getuschel, kein Gekreische. Es herrscht Stille. Auch Maria klammert sich nicht an ihr Kind. Wie könnte sie bei diesem hohen Besuch, wo selbst der Stern im Hintergrund nur noch wie zusammengebasteltes Stroh wirkt.

Die Geburt des Jesuskindes gewinnt durch die Anbetung der Könige an Bedeutung, an Ernsthaftigkeit. Gleich und Gleich gesellt sich eben gerne - nur dass Jesus nackt, in seiner ganzen Menschlichkeit den gutbetuchten Herren dieser Welt entgegen gehalten wird.
Und irgendwie leuchtet es einem ein: Um mit Gott auf Augenhöhe zu sein, muss man sich verneigen, tief bücken, muss man vor ihm knien.

Joseph kratzt sich am Kopf. So hat er das noch gar nicht gesehen.

Eine nachdenkliche Advents- und Weihnachtszeit und einen gesegneten Jahreswechsel wünscht Ihnen, Ihr Pfarrer Volkmar Freier



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